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Adrian Schug

Dankbarkeit im Alltag 🌉


LIFE ON URTH - Episode 078

Durch das Strahlen der Sonne wirkt der eisige Wintertag wärmer. Sie steht so tief, dass ich entgegenkommende Leute nur als einfarbige Schatten wahrnehme. Ich lächle ihnen zwar nett zu, weiß aber nie, ob sie auch zurücklächeln. Ob sie das tun, ist natürlich auch nicht meine Aufgabe. Aus The Courage to Be Disliked:

“PHILOSOPHER: In general, all interpersonal relationship troubles are caused by intruding on other people’s tasks, or having one’s own tasks intruded on. Carrying out the separation of tasks is enough to change one’s interpersonal relationships dramatically.”

Ich spaziere entlang der Rosenheimer Brücken über den Inn und den Mangfall, wenn ich einen Nachschub an Dankbarkeit brauche. Sie entsteht ganz automatisch, wenn ich mir vorstelle, was für den Bau jeder Brücke notwendig war – das über zahllose Generationen angesammelte architektonische Wissen, der kulturelle Kontext und der biochemische Tanz der Erdoberfläche, in dem all das stattfindet.

Außerdem wäre das Leben ohne Brücken deutlich komplizierter. Man müsste Wohnort, Familie und Arbeitsstelle immer so mit der Geographie abstimmen, dass keine Gewässer oder Schluchten dazwischen liegen – super nervig! Wahrscheinlich hätten wir statt Brücken zumindest längst Jetpacks oder Hoverboards alltagstauglich gemacht.

Brücken sind ein bisschen unhandlich, um den Gedanken fortzuführen. Deswegen schlage ich alternativ Schraubenzieher vor, die sicherlich auch am Brückenbau beteiligt sind. Eine große Frage unserer Zeit ist: Würden wir fremdes oder neues Leben überhaupt erkennen? Wäre es zum Beispiel ein Beweis für Leben, wenn wir auf einem anderen Planeten zwei (nicht von uns hergestellte) Schraubenzieher finden würden?

Gerade lese ich Life As No One Knows It über Assembly Theory. Die Annahme ist, dass die Herstellung komplexer Objekte wie Schraubenzieher einige Voraussetzungen erfordert: evolutionär erworbenes Wissen, Vorgängermodelle und wiederholbare Herstellungsprozesse. Vor allem mehrere Kopien solcher Objekte können sich nicht spontan bilden, sondern müssen immer (von Leben) hergestellt werden. Zwei Schraubenzieher auf einem fremden Planeten zu finden wäre daher ein klarer Hinweis auf Aliens.

Assembly Theory beschäftigt sich mit der Frage, was Leben aus physikalischer Sicht ist. Das interessiert mich, weil alle spannenden und wertvollen Dinge des Lebens mit (Trommelwirbel) Leben zu tun haben. Außerdem gibt es am Horizont der Pop-Physik immer bizarre Gedankenexperimente und Paradoxe zu finden, in diesem Fall „Boltzmann-Gehirne“ – ein mögliches Phänomen der modernen Physik, auf das Assembly Theory eine elegante Antwort bietet.

Ein Boltzmann-Gehirn ist ein vollständig geformtes Gehirn, das plötzlich aus reinen Zufallsschwankungen der Materie entsteht – komplett mit Erinnerungen an ein ganzes (eigentlich nie gelebtes) Leben. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist extrem gering. Und doch reicht schon die theoretische Möglichkeit aus, um kosmologische Modelle unter Druck zu setzen: Das Universum ist unglaublich groß, unglaublich alt – und es wird noch größer und älter werden.

Einige Forscher argumentieren deshalb: In einem Universum dieser Größenordnung sollte es mehr Boltzmann-Gehirne mit einer halluzinierten Realität geben als solche, die aus langen evolutionären Prozessen hervorgegangen sind. Und wenn Boltzmann-Gehirne statistisch wahrscheinlicher sind, könnte man selbst eines sein. Das Paradoxe: Man würde es nicht merken. Vielleicht bist du erst jetzt in diesem Moment entstanden, mitsamt allen Erinnerungen an den letzten Satz und an dein bisheriges Leben.

Assembly Theory schiebt dem einen Riegel vor. In diesem Rahmen sind Boltzmann-Gehirne nicht nur extrem unwahrscheinlich – sie sind grundsätzlich unmöglich.

Denn es geht um die zeitliche Tiefe von Objekten: wie viele aufeinander aufbauende Schritte nötig waren, um sie herzustellen. Ein funktionierendes Gehirn hat eine extrem hohe Assembly-Stufe – viel zu hoch, um spontan durch Zufall entstehen zu können. Ohne eine echte, lange Kette von Vorgängerstrukturen (Evolution, Reproduktion, Variation) kann ein solches Objekt nicht existieren.

Kurz gesagt: Ohne Geschichte keine Komplexität.

Diese Vorstellung erfüllt meine Tage gerade mit kindlichem Staunen. All die noch so alltäglichen Objekte um mich herum haben eine gigantische zeitliche Tiefe: Stifte, Kopfhörer, Tassen. Jedes Einzelne bildet nur die materielle Spitze einer ununterbrochenen Informationskette, die über all unsere Vorfahren bis zum Beginn des Lebens auf der Erde zurückreicht.


Welches Alltagsobjekt könntest du diese Woche als Reminder für einen Moment der Dankbarkeit nutzen? 🌉


✒️ Quote der Woche: “Why are you unhappy? Because 99.9 per cent of everything you think, and of everything you do, is for yourself and there isn't one.” -Wei Wu Wei

🍿 Video der Woche: THE OLD KNIGHT - Part 1 - Classic Animation by Gabe Hordos

🎧 Song der Woche: Schrotthagen - Silent Chills

Spotify Wrapped steht vor der Tür. Wer, glaubst du, war dein Top-Künstler dieses Jahr?


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