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LIFE ON URTH - Episode 083Es ist 2026 – Frohes neues Jahr! Dieser Beginn ist für mich immer wie das Schlagen eines gigantischen Glockenturms, der die Zeit in Jahren misst. Es ist eine Einladung zum Innehalten, Orientieren und Neu ausrichten. Diesmal tauchte das Thema Identität dabei für mich auf. Als Atomic Habits 2018 erschien, war ich noch im Medizinstudium und von James Clears Ermutigung, gute Gewohnheiten um eine Identität herum aufzubauen, ziemlich überfordert. Demnach soll man sich nicht dazu bringen, zu lesen – man soll Leser werden. Durch kleine Verhaltensänderungen gibt man dann Stimmen für die neue Identität ab. Zusätzlich kann man diesen Prozess vereinfachen, indem man die kleinen neuen Gewohnheiten an bestehende Gewohnheiten anhängt (zum Beispiel nach dem Zähneputzen eine Seite lesen). Das klingt einleuchtend, solange man sich darauf einigen kann, was man denn werden möchte. Das ist eine meiner größten kreativen Hürden. Natürlich will ich Blogger und Autor sein. Aber eben auch psychotherapeutischer Arzt, Musiker verschiedener Genres, DJ, Podcaster, YouTuber… Wie kann ich mich bei dieser riesigen Auswahl an spannenden Identitäten jemals entscheiden? Mitten in diesem Prozess begann ich, Ausschnitte aus Nietzsche zu lesen. Ein kleiner Vote für meine noch winzige Nietzsche-Kenner-Identität! Ich kam nicht besonders weit, denn zwei kurze Paragraphen auf der ersten Seite brachten erst plötzlich Ruhe, dann Klarheit und Licht in meine innere Landschaft. Im ersten Abschnitt schmolz alle innere Härte dahin und wurde durch Neugier und Vorfreude auf den Prozess ersetzt: Vorwärts auf der Bahn der Weisheit, guten Schrittes, guten Vertrauens! Wie du auch bist, so diene dir selber als Quell der Erfahrung! Wirf das Mißvergnügen über dein Wesen ab, verzeihe dir dein eigenes Ich: denn in jedem Falle hast du an dir eine Leiter mit hundert Sprossen, auf welcher du zur Erkenntnis steigen kannst. (1) Mit neu gewonnenem Mut kehrte ich also zur Suche nach einer Identität zurück und trat dem Unbekannten entgegen. Der nächste Abschnitt traf daher auf meinen weit geöffneten Geist und dort auf einen längst keimenden Samen: Das Produkt des Philosophen ist sein Leben (zuerst, vor seinen Werken). Das ist sein Kunstwerk. Mit einem Mal wurde mir klar, um welche zentrale Identität ich meinen Alltag sortieren möchte: die des Philosophen. Das ist eigentlich keine neue Idee für mich, aber noch nie hatte ich sie so verdichtet formuliert gesehen wie in diesen zwei Sätzen von Nietzsche. (2) Diese Idee, das eigene Leben als wichtigstes kreatives Projekt zu sehen, erreicht mich immer wieder aus verschiedenen Quellen. Sie war auch 2025 ein zentraler Bestandteil der prägenden Bücher, die ich gelesen habe. The Pathless Path ermutigt zum Beispiel zu einer völlig anderen Herangehensweise bei der Arbeit. Dabei sollen nicht Geld und Karriere den Kern bilden, sondern das wahrscheinlich wichtigste Gut des Lebens: unsere Beziehungen. Sogar in meiner ärztlich-psychotherapeutischen Ausbildung und Arbeit ging es erheblich um die Gestaltung des Lebens im Sinne der Kreativität. Ein Kerngedanke der kognitiven Verhaltenstherapie (die therapeutische Schule meiner Ausbildung) ist es, Herausforderungen mit Neugier zu begegnen und dadurch neue Erfahrungen zu machen. Zur Kunst fehlt dann nur noch die Kommunikation mit anderen – auch davon gibt es in der Therapie reichlich! Seit über 80 Wochen beobachte ich mich beim Schreiben dieses Newsletters. Mit der Zeit kristallisierten sich ein paar Themenbereiche heraus, die ich nützlich finde und deren ich bisher nicht müde wurde: Psychologie, Meditation, Produktivität und Fragen des Bewusstseins. Doch erst jetzt habe ich die Gemeinsamkeit all dieser Themen verstanden. Mir geht es immer um die Frage, wie die beste Version meiner selbst aussieht und wie ich mich darauf zu bewegen kann. Das deckt sich meiner Einschätzung nach mit Immanuel Kants Grundfragen der Philosophie:
2026 werde ich daran arbeiten, Stimmen für meine neue Identität als Philosoph abzugeben. Ich plane oder erwarte nicht, meine gefestigteren Identitäten damit zu verdrängen. Vielmehr möchte ich mein aktuell etwas chaotisches Identitätssystem um ein strukturierendes Zentrum ergänzen, das mir bei der Orientierung und Entscheidungsfindung hilft: Herzlich willkommen bei Ihrem Philosophie-Newsletter (begleitet von Themen der Psychologie, Meditation, Produktivität und Fragen des Bewusstseins 😛)! Für welche Identität möchtest du 2026 Stimmen abgeben? 🗳️ Zitat (1): Friedrich Nietzsche - Menschliches, Allzumenschliches Zu Zitat (2) ergab meine Recherche, dass es gar nicht im Original von Nietzsche stammt, sondern eine “paraphrasierende Verdichtung“ eines zentralen Nietzsche-Motivs ist. Dann, unbekannterweise, danke an den Paraphrasierer! ✒️ Quote der Woche: “The more you experience your mind at its best - at its most open and clear - the more you'll notice your failure to truly live from that place.” -Sam Harris 🎧 Song der Woche: Elfenberg - Mozambique Ich würde das Format des Newsletters gerne erweitern, indem ich auf Kommentare oder Fragen von Lesern antworte. Dafür brauche ich natürlich Kommentare und Fragen 😂 Ich freue mich daher sehr, wenn Du mir schreibst! Bist du über etwas in meinen Texten gestolpert? Antworte einfach auf diese E-Mail oder schreibe mir unter mail@urth.blog 👈 Nur das Beste, Adrian / Urth Du möchtest nicht bis nächste Woche warten?
600 1st Ave, Ste 330 PMB 92768, Seattle, WA 98104-2246 |
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