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Adrian Schug

Konditionierung 🍪


LIFE ON URTH - Episode 081

Operante Konditionierung

Die operante Konditionierung ist ein zentrales Konzept der Verhaltenspsychologie, geprägt von T.S. Skinner (1904–1990). Demnach wird die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens durch dessen Konsequenzen beeinflusst – durch Verstärkung nimmt das Verhalten zu, durch Bestrafung nimmt es ab. Dabei wird zwischen positiver und negativer Verstärkung sowie zwischen zwei Typen von Bestrafung unterschieden.

Positive Verstärkung heißt, dass ein angenehmer Stimulus (z.B. ein Keks oder ein Kompliment) auf ein Verhalten (z.B. eine schöne Sandburg bauen) folgt. Die beiden werden verknüpft und die Wahrscheinlichkeit des Verhaltens erhöht sich, denn wir mögen Kekse und Komplimente. So können Tauben (eher mit Keksen) sogar dazu gebracht werden, Gefiederpflege zu betreiben oder sich im Kreis zu drehen, um eine Belohnung zu erhalten.

Auch negative Verstärkung macht ein Verhalten wahrscheinlicher, indem ein unangenehmer Stimulus reduziert wird. Wenn wir angstbesetzte Situationen vermeiden und sich dadurch die Angst reduziert, wird Vermeidung als Strategie verstärkt. Vermeidungsverhalten abzubauen ist daher eines der zentralen Ziele der Verhaltenstherapie. Dafür finde ich es besonders wichtig, Neugier auch gegenüber herausfordernden Situationen zu fördern.

Bestrafung wird in zwei Typen unterteilt:

  • Typ 1 ist das Gegenteil von positiver Verstärkung und fügt einen unangenehmen Stimulus hinzu – das Verhalten nimmt ab.
  • Typ 2 ist das Gegenteil von negativer Verstärkung und reduziert einen angenehmen Stimulus – das Verhalten nimmt ebenfalls ab.

Oft gibt es Überschneidungen, zum Beispiel: Ich stelle meine volle Tasse achtlos an der Tischkante ab, kurz darauf kippt sie um und der Inhalt verteilt sich über den Boden. Ich muss putzen (Typ 1 Bestrafung) und habe mein leckeres Getränk verloren (Typ 2 Bestrafung). Zumindest in den kommenden Tagen werde ich darauf achten, meine Tasse sicherer zu platzieren.

Die Konditionierung schlägt zurück

Was unser System durch Konditionierung gelernt hat, drückt sich in unseren automatischen Bewertungen, Gefühlen, Fantasien und Impulsen aus. Das unterstreicht auch die Funktionalität unserer Muster, die wie in einem evolutionären Prozess über unser Leben hinweg durch Verstärkung oder Bestrafung selektiert wurden. Selbst scheinbar unnütze oder sogar schädliche Muster, die noch im erwachsenen Leben vorhanden sind, müssen demnach einmal einen “Zweck“ im Sinne der Verstärkung oder Bestrafung erfüllt haben.

Doch die Konditionierung endet nicht und das können wir nutzen. Durch neue Daten und korrigierende Erfahrungen können wir selbst hartnäckige Überzeugungen unseres Systems verändern. Egal, wie stark der Alarm ist: Wenn wir oft genug und ausreichend intensiv erfahren, dass es sich um einen Fehlalarm handelt, werden wir uns weniger stark alarmieren – Konditionierung.

Genau nach diesem Prinzip funktioniert Expositionstherapie: Statt der Vermeidung (und dann der negativen Verstärkung durch schnellen Angstabfall) wird eine neue Haltung gegenüber den unangenehmen Gefühlen und Gedanken eingenommen: Neugier!

Dadurch werden sie zumindest im ersten Moment nicht angenehmer, doch das Alarmsystem wird langfristig geschwächt. Wenn die Angst dann abfällt, wird statt der Vermeidung die neue mutige Herangehensweise der Exposition verstärkt. Manche Patienten entwickeln mit der Zeit sogar einen starken Appetit auf Expositionen.

Imagination und Drachen

Kognitives Wissen allein reicht meist nicht aus, um tiefsitzende Überzeugungen aufzulösen. Mit starken Flugängsten wird man sich von einer Statistik über Abstürze nicht davon überzeugen lassen, in ein Flugzeug zu steigen.

Für eine korrigierende Erfahrung muss die Situation jedoch nicht unbedingt echt sein, sie muss sich nur echt anfühlen. Das zeigt die Wirksamkeit von Expositionen in Virtual Reality (z.B. Vortrag halten bei sozialer Phobie).

Auch die Imagination belastender Erinnerungen bei Expositionen in der Traumatherapie birgt keine “echte“ Gefahr. Teilnehmende Patienten können jedoch sicherlich berichten, dass es sich deutlich anders anfühlen kann – und von gewonnenen Freiheiten, wenn im Rahmen der Exposition erfolgreich Vermeidungsverhalten abgebaut wurde.

Was zählt, ist, das System von der Echtheit der Situation zu überzeugen und dadurch den Alarm absichtlich auszulösen. Das ist unintuitiv und gewissermaßen gemein, denn die Exposition ist erst richtig wirksam, wenn sie ausreichend unangenehm ist. Um den Schatz zu erhalten, muss man sich dem emotionalen Drachen stellen.

Heldenreise

Das Modell von Jordan B. Peterson in Maps of Meaning verbindet moderne psychologische Modelle mit der Mythologie. Dahinter steckt die Annahme, dass die antiken Geschichten unter anderem als Verhaltensanleitung dienten. Vor allem kulturell übergreifende narrative Strukturen könnten tiefe und noch heute relevante Weisheiten enthalten.

Und die Geschichten der ganzen Welt sind sich einig: Die Aufgabe des Helden ist die freiwillige Reise ins Unbekannte und die Rückkehr mit dem Schatz. Oder kurz: Neugier.

Das gesamte System muss eine korrigierende Erfahrung machen, um tiefe Überzeugungen zu verändern. Der präfrontale Kortex alleine – repräsentativ für kognitive Informationen (z.B. die Statistik über Flugzeugabstürze) – reicht nicht aus, weil das echte Unbekannte erst hinter dem Horizont unserer Sprache und Symbolik beginnt.

Intensiver Kontakt mit der endlosen Komplexität des Unbekannten ist anstrengend, deswegen schützen wir uns im Alltag davor mit selbst gebauten Kulissen. Diese immer wieder mit echter Neugier zu durchbrechen erfordert Mut, füllt die Welt aber zugleich verlässlich mit Leben und Farben.


✒️ Quote der Woche: “Letting go of our images of who we are is a way of letting go of the known, which is our prison.” -Pema Chödrön

🎧 Song der Woche: Asura - Altered State


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