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Adrian Schug

Sonder 👁️


LIFE ON URTH - Episode 079

“Sonder” ist eine englische Wortschöpfung, geprägt von John Koenig. Sie beschreibt die Einsicht, dass hinter all den flüchtigen menschlichen Kontakten unseres Alltags vollständige Leben stecken – so komplex und bunt wie unser eigenes.

Diese Vorstellung ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen auf langen Autofahrten: In jedem anderen Auto findet gerade (mindestens) eine menschliche Erfahrung statt, inklusive all der Liebe und all der Schmerzen, die auch ich kenne. Wir überschneiden uns nur ganz kurz, haben aber immer gemeinsam, dass wir aus unseren individuellen Welten das Beste machen möchten.

In John Koenigs The Dictionary Of Obscure Sorrows gibt es noch andere faszinierende Begriffe, zum Beispiel “Énouement” – das bittersüße Gefühl, in der Zukunft angekommen zu sein und endlich zu wissen, wie sich die Dinge entwickelt haben, aber nicht in der Lage zu sein, es seinem vergangenen Selbst mitzuteilen.

Diese spannenden Facetten unserer Erfahrung schärfer wahrzunehmen, ist durch Übung möglich, etwa durch Meditation. Zu Beginn kann es sich so anfühlen, als sei es eine unscharfe und undurchdringliche Fähigkeit. Welchen Wert soll es haben, jeden Tag zehn Minuten im Schneidersitz zu verbringen und sich selbst beim Atmen zuzuschauen?

Dass Meditation gesund ist, reicht für mich nicht als Ansporn, zu beginnen. Was mich stattdessen motiviert, ist die einfache Beobachtung, dass meine gesamte Erfahrung, meine ganze Welt, nur aus Bewusstsein besteht. Alles, was ich wahrnehme, taucht dort auf: jeder Sinneseindruck, jeder Gedanke, jedes Gefühl. Alles, was ich habe, ist mein Mind.

Mein Leben wird davon bestimmt, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Meditation trainiert genau das. Atem und andere Foki sind nur Übungen für das eigentliche Ziel: den Prozess der Aufmerksamkeit selbst zu beobachten. Nicht nur das Detail, auf dem gerade Aufmerksamkeit liegt, sondern auch die Verschiebung des Fokus selbst.

Der Atem dient seit jeher als Einstieg: beobachten, aber nicht kontrollieren. Innerlich zurückgelehnt können wir zuschauen, wie unser Körper selbstständig atmet. Dabei werden wir zu dem Raum, in dem der nächste Atemzug von alleine entsteht. Das Gleiche gilt für Geräusche, Körperempfindungen und Gedanken.

Wie den Atem so kann man auch den Scheinwerfer unseres Bewusstseins beim Wandern und Scharfstellen beobachten, ohne ihn aktiv zu steuern. Manche Philosophien argumentieren deshalb, dass jedes Gefühl von Entscheidung und Selbst nur eine Illusion ist. Sam Harris in The Moral Landscape:

Our sense of our own freedom results from our not paying attention to what it is actually like to be what we are. The moment we do pay attention, we begin to see that free will is nowhere to be found, and our subjectivity is perfectly compatible with this truth. Thoughts and intentions simply arise in the mind. What else could they do? The truth about us is stranger than many suppose: The illusion of free will is itself an illusion.

Doch die Zugänglichkeit einer Perspektive, in der “free will nowhere to be found” ist, beweist für mich nicht, dass wir keinen Einfluss auf die Welt nehmen können. In Life As No One Knows It weist Sara Imari Walker darauf hin, dass die Diskussion um freien Willen oft schwarz-weiß geführt wird. Als ob es nur zwei Möglichkeiten gäbe: Entweder haben wir volle Kontrolle und Entscheidungsmacht über jeden Aspekt unserer Welt – oder gar keine.

Vielleicht ist es stattdessen eher ein Spektrum. Die Regeln der Physik schränken meinen freien Willen natürlich deutlich ein. Obwohl ich gerne fliegen würde, kann ich es nicht. Doch innerhalb dessen, was physikalisch erlaubt ist, haben wir womöglich einen gewissen Entscheidungsspielraum. Und davon haben wir sicherlich mehr, wenn wir unseren automatischen Aufmerksamkeitsmustern nicht hilflos ausgeliefert sind.

Die notwendige Neugier lässt sich nicht nur durch formale Meditation trainieren. Der Alltag besteht aus einer Aneinanderkettung von Situationen, denen wir durch eine neugierige Haltung Leben einhauchen oder Stress entziehen können. Nur so können wir sicherstellen, dass wir uns das exquisite Sonder und Énouement des menschlichen Daseins nicht entgehen lassen.


Übung 🧘: Nimm dir an einem belebten Ort einen Moment Zeit, um dir der komplexen Innenwelten deiner Mitmenschen bewusst zu werden. Wünsche ihnen still das Beste für die Herausforderungen des restlichen Tages.


✒️ Quote der Woche: “In the space between chaos and shape there was another chance.” -Jeanette Winterson

🍿 Video der Woche: Weird Things Begin to Happen When You Examine Consciousness

🎧 Song der Woche: IOTO - Colossus


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