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LIFE ON URTH - Episode 080Rituale gehören zum Menschsein. Sie geben uns Halt in einer andernfalls überwältigend komplexen Welt. Sie ermöglichen Kooperation auf einer globalen Skala und bewahren uns davor, im Alltag bewusst über jede winzige Tätigkeit nachdenken zu müssen. Unser Gehirn ist kein passiver Empfänger von Informationen, sondern eine Vorhersagemaschine. Es sucht permanent nach Mustern und Regelmäßigkeiten, um die Welt berechenbar zu halten. Auf Basis früherer Erfahrungen, sozialer Prägung und aktueller Umgebung erstellt es Hypothesen darüber, was als Nächstes passieren wird. Gelingt diese Vorhersage, erleben wir Sicherheit. Entstehen größere Vorhersagefehler, wird das als Unsicherheit erlebt – subjektiv oft als Anspannung oder Angst. Rituale greifen genau hier ein. Durch ihre Wiederholung und Verlässlichkeit erzeugen sie das Gefühl von Ordnung und Kontrolle, selbst dann, wenn diese Kontrolle objektiv gesehen nur teilweise oder gar nicht real ist. Studien zeigen, dass Menschen unter Unsicherheit besonders anfällig dafür sind, Muster zu sehen, wo keine sind – und dass Rituale Stress messbar reduzieren können, teils in einer Größenordnung, die mit medikamentösen Effekten vergleichbar ist. Entscheidend ist dabei weniger, ob die Kontrolle real ist, sondern dass sie erlebt wird. Doch in zu hoher Frequenz oder Intensität können Rituale auch lähmend sein. Um eine Gewohnheit zu unterbrechen, ist das Gewahrwerden normalerweise der wichtigste Schritt. Doch wer unter einer Zwangsstörung leidet, ist sich der zeitraubenden Rituale zwar bewusst, kann sie jedoch nicht unterlassen. Der „Zwang“ entsteht dadurch, dass die Unterlassung des Rituals sich (lebens)bedrohlich anfühlt. Es ist dasselbe emotionale Netzwerk aktiv, das uns vor echter Gefahr warnen würde – und nur die Zwangsrituale können es beruhigen. Stell dir vor, du fährst mit dem Bus und es gibt einen freien Sitz! Als du näher kommst, siehst du einen Fleck auf dem Polster. Sofort entstehen Fantasien: Ist es Wasser, Bier, … schlimmer? Mit einem Hygienezwang würde dieser Gedankengang womöglich schnell eskalieren: Der Fleck könnte ansteckendes Material enthalten. Die Berührung würde mich krank machen. Dann würde ich auf schreckliche Weise sterben. Und wer weiß, wie sehr es bereits in diesem Bus verteilt wurde? Völlig nachvollziehbar, dass die betroffene Person an der nächsten Haltestelle aus dem Bus flüchtet. Dort kämpft sie mit dem drängenden Impuls, nach Hause zu rennen, um zu duschen. Solche Fantasien und deren automatische Bewertung als realistisch sind im Alltag extrem einschränkend. Es entsteht ein Teufelskreis: Die zu Beginn noch harmlosen Rituale signalisieren dem System, dass die Angst gerechtfertigt ist. Es lernt: Gefahr → Ritual → Erleichterung. Das Modell der Welt wird enger statt flexibler. Die Rituale zum Abbau der Angst dauern immer länger und auslösende Situationen werden deswegen zunehmend vermieden. Es entsteht ein emotionales Gefängnis, das sich selbst aufrechterhält und verstärkt. Als Screening für Zwangsstörungen kann der „5-Fragen-Test“ (Zohar-Fineberg Obsessive Compulsive Screen) verwendet werden. Als screening-positiv gilt eine Person, die mindestens eine der fünf Fragen mit Ja beantwortet und zudem eine Beeinträchtigung erlebt:
Dieser Test ersetzt keine Diagnose. Er kann aber helfen, Muster sichtbar zu machen, die im Alltag leicht übersehen werden. Zwangsgedanken und Rituale sind kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Einsicht. Sie entstehen dort, wo ein eigentlich sinnvolles Vorhersagesystem in Daueralarm gerät. Die gute Nachricht: Genau weil diese Muster gelernt sind, können sie auch wieder verlernt werden – durch neue Erfahrungen, nicht durch mehr Kontrolle. ✒️ Quote der Woche: “By hanging on to things, we lose them. By offering ourselves into the world, we find infinite richness.” -James Low 🍿 Video der Woche: AI Slop Is Destroying The Internet 🎧 Song der Woche: Hällas - Face of an Angel Ich würde das Format des Newsletters gerne erweitern, indem ich auf Kommentare oder Fragen von Lesern antworte. Dafür brauche ich natürlich Kommentare und Fragen 😂 Ich freue mich daher sehr, wenn Du mir schreibst! Bist du über etwas in meinen Texten gestolpert? Antworte einfach auf diese E-Mail oder schreibe mir unter mail@urth.blog 👈 Nur das Beste, Adrian / Urth Du möchtest nicht bis nächste Woche warten?
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